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Kurrent, Sütterlin, Fraktur: die Unterschiede auf einen Blick
Stand: 19. September 2026 · etwa 5 Minuten Lesezeit
„Altdeutsche Schrift“ ist ein Sammelbegriff, hinter dem sich mehrere Schriften verbergen. Die drei wichtigsten sind die Kurrent, die Sütterlin und die Fraktur. Sie werden oft verwechselt oder in einen Topf geworfen, obwohl sie sich deutlich unterscheiden – und obwohl die Unterscheidung beim Lesen und Einordnen eines Dokuments viel hilft.
Diese Seite zeigt die Unterschiede, einen Schnelltest mit drei Fragen und die wichtigsten Grenzfälle. Ausführliche Anleitungen zu jeder Schrift finden Sie auf den jeweiligen Hauptseiten.
Zwei Handschriften und eine Druckschrift
Der wichtigste Unterschied ist grundsätzlich: Kurrent und Sütterlin sind Handschriften, Fraktur ist eine Druckschrift. Die beiden Handschriften verwenden dieselben Buchstabenformen, unterscheiden sich aber im Schriftbild. Die Fraktur hat eigene, gedruckte Formen, die mit den handgeschriebenen verwandt, aber nicht identisch sind.
- Kurrent: die übliche deutsche Schreibschrift vom 16. Jahrhundert bis 1941, schräg, spitz, mit wechselnder Strichstärke
- Sütterlin: eine vereinfachte Schulform der Kurrent, entworfen 1911, an Schulen ab 1915 bis 1941, aufrecht, rund, gleichmäßig
- Fraktur: die übliche deutsche Druckschrift vom 16. Jahrhundert bis 1941, mit gebrochenen Bögen, langem s und Ligaturen
Alle drei endeten 1941 mit dem Normalschrifterlass. Danach wurden in Schulen, Behörden und Druckereien lateinische Formen verwendet, die unserer heutigen Schrift entsprechen.
Der Zeitstrahl
Die drei Schriften haben unterschiedlich lange Geschichten, enden aber zur selben Zeit:
- 16. Jahrhundert: Aus den spätmittelalterlichen Schriften entwickeln sich die Kurrent als Schreibschrift und die Fraktur als Druckschrift. Ein frühes Fraktur-Beispiel ist der „Theuerdank“ von 1517.
- 17. bis 19. Jahrhundert: Kurrent und Fraktur sind im deutschen Sprachraum die üblichen Schriften für Handschrift und Druck; die Kurrent wird im 19. Jahrhundert in Schulen nach festen Vorlagen gelehrt.
- 1911: Ludwig Sütterlin entwirft im Auftrag des preußischen Kultusministeriums eine vereinfachte Schulschrift.
- ab 1915: Einführung der Sütterlinschrift an Schulen in Preußen, andere Länder folgen.
- 1935: Eine leicht veränderte Form wird als „Deutsche Volksschrift“ für alle Schulen verbindlich.
- 1941: Der Normalschrifterlass beendet den Gebrauch der gebrochenen Schriften in Druck, Behörden und Schulen.
Für die Praxis heißt das: Dokumente vor 1915 sind handschriftlich fast immer Kurrent, zwischen 1915 und 1941 kommt Sütterlin hinzu, und ab 1941 setzt sich die lateinische Schrift durch – mit vielen Menschen, die ihre alte Schrift privat noch lange weiterschrieben.
Die Merkmale im Vergleich
Die folgenden Merkmale helfen bei der Unterscheidung:
- Neigung: Kurrent ist stark nach rechts geneigt, Sütterlin steht aufrecht, Fraktur steht aufrecht und gedruckt.
- Formen: Kurrent ist spitz und eng, Sütterlin rund und breit, Fraktur eckig mit gebrochenen Bögen.
- Strichstärke: Kurrent wechselt zwischen feinen und breiten Strichen, Sütterlin ist überall gleich stark, Fraktur zeigt die kräftigen Grundstriche einer gedruckten Type.
- Verbindung: Die Buchstaben der Handschriften sind verbunden, die der Fraktur stehen einzeln.
- Proportionen: Bei Kurrent sind Ober- und Unterlängen deutlich größer als die Mittelzone, bei Sütterlin etwa gleich groß. Fraktur hat eher kurze Ober- und Unterlängen.
- Gleichmäßigkeit: Handschriften schwanken von Wort zu Wort, Fraktur ist völlig gleichförmig, weil jeder Buchstabe dieselbe Type ist.
Der Schnelltest in drei Fragen
Mit diesen drei Fragen bestimmen Sie die Schrift in den meisten Fällen in wenigen Sekunden:
- Ist der Text gedruckt oder geschrieben? Gedruckt mit eckigen Buchstaben – Fraktur. Geschrieben – weiter mit Frage 2.
- Ist die Schrift schräg und spitz oder aufrecht und rund? Schräg und spitz – Kurrent. Aufrecht und rund – wahrscheinlich Sütterlin.
- Passt die Zeit? Sütterlin wurde von Menschen geschrieben, die zwischen etwa 1915 und 1941 zur Schule gingen. Ein aufrecht geschriebener Brief von 1890 ist eher eine aufrechte Kurrent als Sütterlin.
Die dritte Frage ist wichtig, weil sich Handschriften im Leben eines Menschen verändern. Wer Sütterlin gelernt hat, schrieb als Erwachsener oft schneller, schräger und spitzer, sodass seine Schrift der Kurrent ähnelt. Umgekehrt schrieben manche Menschen Kurrent sehr aufrecht. Die Zeit hilft, solche Fälle einzuordnen.
Verwandte Schriften und Grenzfälle
Neben den drei großen gibt es weitere Schriften, die Ihnen in alten Dokumenten begegnen können:
- Kanzleischrift: eine sorgfältige Zierform der deutschen Handschrift für Urkunden und Überschriften, aufrechter und gleichmäßiger als die Kurrent
- Schwabacher: eine gebrochene Druckschrift, runder und kräftiger als die Fraktur, oft für Hervorhebungen verwendet
- Lateinische Schreibschrift: in deutschen Dokumenten für Fremdwörter, lateinische Begriffe und Namen, nach 1941 die übliche Handschrift
- Deutsche Volksschrift: der Name, unter dem eine leicht veränderte Sütterlin ab 1935 an allen Schulen gelehrt wurde
In vielen Dokumenten kommen mehrere Schriften zusammen vor. Ein Formular aus dem Jahr 1900 kann einen Vordruck in Fraktur, Einträge in Kurrent und einen Namen in lateinischer Schrift enthalten. Das ist kein Widerspruch, sondern war damals völlig normal.
Warum die Unterscheidung hilft
Die Schrift zu bestimmen, ist mehr als eine Formalität. Sie hilft beim Lesen, weil Sie die passende Buchstabentabelle wählen und wissen, auf welche Lesefallen Sie achten müssen. Und sie hilft beim Einordnen: Ein undatierter Brief in Sütterlin stammt fast sicher aus dem 20. Jahrhundert, ein Fraktur-Druck mit Umlauten als kleinem e über dem Vokal eher aus älterer Zeit.
Auch für die Familiengeschichte kann die Schrift etwas verraten: Sie zeigt, wann und wo jemand schreiben gelernt hat, und kann helfen, Briefe verschiedenen Personen zuzuordnen.
Wie der Scanner hilft
Altschrift bestimmt die Schrift automatisch und zeigt sie im Ergebnis an. Sie müssen sie also nicht vorher kennen, um einen Text lesen zu lassen. Auch gemischte Seiten mit Fraktur, Kurrent und lateinischer Schrift werden in einem Durchgang gelesen.
Die automatische Bestimmung ersetzt nicht den eigenen Blick, wenn es um das Einordnen eines Dokuments geht. Sie ist aber ein guter Ausgangspunkt – und nach einigen Seiten erkennen Sie die Schriften meist selbst auf den ersten Blick.
Häufige Fragen
Ist Sütterlin eine eigene Schrift oder eine Form der Kurrent?
Eine Form der Kurrent. Sütterlin verwendet dieselben Buchstaben, schreibt sie aber aufrecht, rund und in gleichmäßiger Strichstärke. Sie wurde 1911 als Schulschrift entworfen.
Kann man Fraktur mit einer Handschrift verwechseln?
Selten. Fraktur ist gedruckt, jeder Buchstabe steht einzeln und sieht immer gleich aus. Verwechslungen gibt es eher mit der Kanzleischrift, die sehr sorgfältig und fast druckähnlich geschrieben wurde.
Muss ich die Schrift kennen, um einen Text transkribieren zu lassen?
Nein. Altschrift erkennt die Schrift selbst, auch wenn mehrere Schriften auf einer Seite stehen.
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