Schriften
Fraktur lesen: die alte deutsche Druckschrift
Stand: 19. September 2026 · etwa 5 Minuten Lesezeit
Anders als Kurrent und Sütterlin ist Fraktur keine Handschrift, sondern eine Druckschrift. Über vier Jahrhunderte wurden im deutschen Sprachraum Bibeln, Gesangbücher, Zeitungen, Schulbücher, Amtsblätter und Formulare in Fraktur gesetzt. Wer alte Bücher erbt oder in Familienunterlagen gedruckte Vordrucke findet, begegnet ihr ständig.
Die gute Nachricht: Fraktur ist viel leichter zu lernen als eine alte Handschrift, weil jeder Buchstabe immer gleich aussieht. Mit dem Wissen um eine Handvoll besonderer Formen lesen die meisten Menschen schon nach kurzer Zeit flüssig. Diese Seite zeigt, worauf es ankommt.
Herkunft und Zeitraum
Fraktur gehört zu den gebrochenen Schriften: Die Rundungen der Buchstaben sind nicht als Bogen gezeichnet, sondern in kurze, gerade Stücke „gebrochen“. Daher kommt auch der Name, vom lateinischen „fractura“, Bruch. Die Schrift entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Umfeld Kaiser Maximilians I.; ein frühes Beispiel ist das 1517 gedruckte Versepos „Theuerdank“.
In den folgenden Jahrhunderten wurde Fraktur zur vorherrschenden Druckschrift für deutschsprachige Texte. Lateinische, französische oder wissenschaftliche Texte wurden dagegen meist in Antiqua gesetzt, der runden Schrift, die wir heute kennen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert stritten Verlage und Gelehrte heftig darüber, welche der beiden Schriften die bessere sei.
Beendet wurde die Fraktur-Zeit per Anordnung: Mit dem Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941 wurden gebrochene Schriften in Zeitungen, Büchern und Behörden durch die Antiqua ersetzt. Nach 1945 kehrte die Fraktur nicht zurück. Heute sieht man sie vor allem noch in Zeitungsköpfen, auf Urkunden, Wirtshausschildern und Etiketten.
Woran Sie Fraktur erkennen
Fraktur ist leicht von anderen Schriften zu unterscheiden:
- Die Buchstaben stehen einzeln und sind gedruckt, nicht verbunden geschrieben.
- Bögen sind in eckige Stücke gebrochen; kleine Buchstaben enden oft in feinen Spitzen.
- Die Großbuchstaben sind breit und verziert, manche haben kleine Rüssel oder Schwünge.
- Das lange s (ſ) steht am Wort- und Silbenanfang und im Wortinneren; am Ende steht das runde s.
- Häufige Buchstabenpaare wie ch, ck, tz oder ſt sind zu Ligaturen verbunden, also zu einem gemeinsamen Zeichen.
Verwandte gebrochene Schriften sind die ältere Textura, die Rotunda und die Schwabacher. Die Schwabacher wirkt runder und kräftiger als die Fraktur und wurde oft für Hervorhebungen genutzt. Für das Lesen spielt der Unterschied kaum eine Rolle, weil die meisten Buchstaben gleich aufgebaut sind.
Typische Lesefallen
Nur wenige Buchstaben machen wirklich Probleme – diese aber regelmäßig:
- ſ und f: Das lange s hat nur links einen kleinen Ansatz, beim f geht der Querstrich durch. Ein „Wachſtum“ ist also kein „Wachftum“.
- k und t: Das Fraktur-k hat oben eine Schleife und kann bei kleiner Schrift wie ein t mit Aufsatz wirken.
- r und x: Das kleine x sieht aus wie ein r mit einem Haken unter der Zeile. In kleinem, engem Satz sind die beiden leicht zu verwechseln.
- I und J: In vielen Fraktur-Schriften haben die beiden Großbuchstaben dieselbe Form. Welcher gemeint ist, zeigt erst das Wort.
- B, V und W sowie C und E: Die Großbuchstaben unterscheiden sich oft nur in Details.
In älteren Drucken kommen zwei weitere Eigenheiten hinzu. Umlaute sind oft mit einem kleinen e über dem Vokal geschrieben statt mit zwei Punkten. Und nach Buchstaben mit rundem Bauch, etwa nach o, steht manchmal das „runde r“, das einer 2 ähnelt.
Wo Sie Fraktur finden
Fraktur begegnet Ihnen überall, wo vor 1941 gedruckt wurde:
- Bücher aller Art, von der Familienbibel bis zum Kochbuch
- Zeitungen, Anzeigenblätter und Todesanzeigen
- Amtsblätter, Gesetzblätter und Adressbücher
- Vordrucke für Urkunden, Zeugnisse, Pässe und Formulare – mit handschriftlichen Einträgen in Kurrent
- Andachtsbilder, Gedenkblätter und Urkunden von Vereinen
Für die Familienforschung sind vor allem historische Adressbücher und Zeitungen wertvoll. Viele davon sind digitalisiert und in Bibliotheksportalen frei zugänglich, oft bereits mit einer maschinellen Texterkennung, die bei Fraktur allerdings nicht immer fehlerfrei ist. In Adressbüchern sind die Einträge stark abgekürzt; ein Verzeichnis der Abkürzungen steht häufig am Anfang des Bandes.
Fraktur selbst lesen: so gehen Sie vor
Weil jeder Buchstabe gedruckt und damit gleichförmig ist, lernen Sie Fraktur am schnellsten mit einem vollständigen Alphabet vor Augen:
- Lernen Sie zuerst die Kleinbuchstaben, vor allem ſ, f, k, r und das runde s. Die meisten anderen sind den heutigen Formen sehr ähnlich.
- Merken Sie sich die häufigen Ligaturen ch, ck, tz und ſt. Sie tauchen in fast jeder Zeile auf.
- Lesen Sie laut und langsam. Das Ohr erkennt ein Wort oft, bevor das Auge jeden Buchstaben sicher bestimmt hat.
- Nehmen Sie sich die Großbuchstaben am Ende vor und vergleichen Sie sie mit Wörtern, deren Bedeutung klar ist.
- Achten Sie bei alten Drucken auf die Rechtschreibung der Zeit, etwa „Thür“ oder „Theil“, und lesen Sie sie nicht als Fehler.
Nach wenigen Seiten stellt sich meist ein Lesefluss ein. Schwieriger sind nur schlecht erhaltene Drucke, bei denen Buchstaben abgerieben oder die Druckfarbe durchgeschlagen ist.
Wie der Scanner hilft – und wo er an Grenzen stößt
Altschrift erkennt Fraktur auf Fotos und Scans und gibt den Text in heutiger Schrift aus, mit rundem s und aufgelösten Ligaturen. Gedruckte Fraktur gehört zu den Vorlagen, die eine KI besonders zuverlässig liest, weil die Buchstaben gleichförmig sind. Auf gemischten Seiten, etwa einem gedruckten Formular mit handschriftlichen Einträgen, liest der Scanner beides.
Grenzen gibt es bei beschädigten Vorlagen: bei abgeriebenen Buchstaben, Flecken, sehr kleiner Schrift, gebogenen Buchseiten oder Durchschlag der Rückseite. Auch in Tabellen, etwa in Adressbüchern, kann die Zuordnung von Spalten verrutschen. Unsichere Stellen werden markiert.
Für längere Werke lohnt es sich, gleichmäßig zu fotografieren: Buch flach aufgelegt, Seite füllend, ohne Schatten in der Falz. Dann lassen sich auch viele Seiten in einem Durchgang lesen und als Text weiterverarbeiten.
Häufige Fragen
Ist Fraktur eine Handschrift?
Nein. Fraktur ist eine Druckschrift. Die zugehörige Handschrift war die Kurrent. Auf vielen Formularen stehen beide nebeneinander: der Vordruck in Fraktur, die Einträge in Kurrent.
Wie unterscheide ich das lange s vom f?
Beim f geht der Querstrich ganz durch den Buchstaben. Das lange s hat nur links einen kleinen Ansatz. Ergibt ein Wort mit f keinen Sinn, ist es meist ein langes s.
Warum wurde die Fraktur abgeschafft?
Durch den Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941 wurden gebrochene Schriften in Druck, Behörden und Schulen durch die Antiqua ersetzt. Nach 1945 kehrte die Fraktur nicht in den Alltag zurück.
Kann ich Fraktur-Texte automatisch in normale Schrift umwandeln?
Ja. Altschrift liest Fraktur von Fotos und Scans und gibt den Text in heutiger Schrift aus. Bei gut erhaltenen Drucken ist das Ergebnis meist sehr zuverlässig.
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