Dokumente und Anlässe
Alte Tagebücher lesen und abschreiben
Stand: 19. September 2026 · etwa 5 Minuten Lesezeit
Ein Tagebuch ist die persönlichste Quelle, die eine Familie besitzen kann. Es zeigt nicht nur, was geschah, sondern wie jemand es erlebt hat: den Alltag auf dem Hof, die ersten Jahre einer Ehe, Reisen, Krankheiten, die Kriegsjahre. Gleichzeitig ist es für Außenstehende oft besonders schwer zu lesen, weil es nie für fremde Augen gedacht war.
Diese Seite zeigt, womit Sie in alten Tagebüchern und Kalendern rechnen müssen, wie Sie Kürzel und Andeutungen entschlüsseln und wie Sie mit dem Inhalt verantwortungsvoll umgehen.
Was in alten Tagebüchern steht
Tagebücher sind so verschieden wie die Menschen, die sie geschrieben haben. Einige Formen kommen aber immer wieder vor:
- Das klassische Tagebuch mit ausführlichen Einträgen, oft über Jahre in mehreren Heften
- Schreib- und Taschenkalender mit kurzen Notizen zu Wetter, Arbeit, Besuchen und Ausgaben
- Reisetagebücher, die nur einen bestimmten Zeitraum abdecken
- Haus- und Wirtschaftsbücher, in denen Tagebuchnotizen und Rechnungen gemischt sind
- Kriegstagebücher von Soldaten und Zivilisten, oft in kleinen Notizbüchern
Typisch ist der Wechsel zwischen knappen Stichworten und plötzlich langen Passagen zu Ereignissen, die den Schreiber bewegt haben. Gerade diese Stellen sind oft besonders eilig und damit schwer lesbar geschrieben.
Schriften, Kürzel und Geheimnisse
Die Schrift hängt vom Geburtsjahr des Schreibers ab: Wer vor dem Ersten Weltkrieg zur Schule ging, schrieb meist Kurrent; wer zwischen 1915 und 1941 eingeschult wurde, meist Sütterlin; danach überwiegt die lateinische Schrift. Viele Tagebücher zeigen im Lauf der Jahre einen Wandel, weil sich die Handschrift mit dem Alter verändert.
Tagebuchschreiber kürzten stark, weil sie nur für sich schrieben:
- Personen erscheinen oft nur mit Initialen, Spitznamen oder Verwandtschaftsbezeichnungen wie „Tante M.“
- Häufige Wörter werden verkürzt, etwa „Vm.“ und „Nm.“ für Vormittag und Nachmittag oder „Sonnt.“ für Sonntag.
- Wochentage und Monate stehen manchmal nur als Zahl oder Abkürzung.
- Manche Einträge verweisen auf frühere mit „s. o.“ oder einem Datum.
Eine Besonderheit ist die Kurzschrift. Viele Menschen lernten im Beruf eine Stenografie, zunächst verbreitete Systeme wie Gabelsberger, ab 1924 die Deutsche Einheitskurzschrift. Manche schrieben private Passagen bewusst in Kurzschrift, damit andere sie nicht lesen konnten. Solche Stellen erkennen Sie an kleinen, geometrischen Zeichen, die keiner Buchstabenschrift ähneln.
Wo Tagebücher aufbewahrt werden
Die meisten Tagebücher liegen in Familienbesitz, oft verteilt auf mehrere Haushalte. Es lohnt sich, bei Verwandten nachzufragen, ob weitere Hefte existieren – Tagebücher wurden häufig unter Geschwistern aufgeteilt.
Öffentliche Sammlungen gibt es ebenfalls. Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen nimmt private Tagebücher, Briefe und Lebenserinnerungen auf und macht sie der Forschung zugänglich. Auch Stadt- und Kreisarchive sowie Heimatvereine sammeln Tagebücher, wenn sie für die Ortsgeschichte bedeutsam sind.
Alte Hefte sind oft brüchig, die Bindung ist gelockert. Öffnen Sie ein Tagebuch zum Fotografieren nicht weiter als nötig, legen Sie es auf eine weiche Unterlage und verzichten Sie auf Klebezettel, die Rückstände hinterlassen. Lose Blätter, eingelegte Fotos und gepresste Blumen gehören an ihre Stelle zurück – ihre Lage verrät oft, zu welchem Eintrag sie gehören.
Bevor Sie ein Tagebuch abgeben oder veröffentlichen, sollten Sie mit der Familie sprechen. Tagebücher enthalten oft sehr persönliche Angaben über Menschen, die noch leben oder deren Kinder noch leben.
Tipps zum Lesen
Ein Tagebuch liest man am besten nicht von vorn nach hinten, sondern in Schichten:
- Verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick: Welcher Zeitraum ist abgedeckt, wie viele Hefte gibt es, wo sind Lücken?
- Lesen Sie die Datumszeilen. Sie sind formelhaft, zeigen die Buchstabenformen und ergeben ein Gerüst.
- Legen Sie eine Liste der Personen an, die vorkommen, mit allen Abkürzungen, unter denen sie erscheinen. Sie wächst beim Lesen und hilft enorm.
- Schreiben Sie wörtlich ab, auch Fehler und alte Schreibweisen. Erklärungen gehören in eckige Klammern oder Fußnoten, nicht in den Text.
- Lassen Sie Stenografie-Passagen zunächst aus und kennzeichnen Sie sie. Dafür braucht es jemanden, der das jeweilige System beherrscht.
Ein Kalendereintrag Schritt für Schritt
Das folgende Beispiel ist ausgedacht, zeigt aber, wie knapp Kalendernotizen oft sind:
Aufgelöst heißt das etwa: Montag, der 7. Am Vormittag Kartoffeln gesteckt, am Nachmittag Regen. Tante M. war mit Klara zu Besuch. Brief von Fritz aus H. angekommen. Am Abend Versammlung.
Für jemanden, der die Familie kennt, ist dieser Eintrag sofort verständlich; für alle anderen braucht es die Personenliste. Wer ist „Tante M.“? Ist „Kl.“ ein Kind, ist „H.“ ein Ort? Oft lösen sich solche Kürzel erst im Zusammenhang mit anderen Einträgen oder Briefen. Schreiben Sie deshalb zuerst genau ab, was dasteht, und ergänzen Sie Auflösungen in eckigen Klammern: „Tante M. [Maria?]“. So bleibt erkennbar, was im Original steht und was Ihre Deutung ist – wichtig, wenn später jemand Ihre Abschrift weiterverwendet.
Wie der Scanner hilft
Altschrift liest Tagebuchseiten in Kurrent, Sütterlin und lateinischer Schrift und gibt den Text in heutiger Schrift aus. Weil Tagebücher oft viele Seiten haben, lohnt sich ein Projekt je Heft: Seite für Seite fotografieren, Ergebnisse sammeln und am Ende als Text exportieren – etwa als Grundlage für eine Abschrift, die die ganze Familie lesen kann.
Grenzen gibt es bei sehr kleiner Schrift in Taschenkalendern, bei Bleistift, der über die Jahre verwischt ist, und bei Kürzeln, deren Bedeutung nur der Schreiber kannte. Kurzschrift wie Gabelsberger oder die Deutsche Einheitskurzschrift liest der Scanner nicht zuverlässig; solche Stellen sollten Sie einer kundigen Person geben.
Wie bei jeder automatischen Lesung gilt: Die markierten Stellen und alle Namen prüfen Sie am Original. Gerade in Tagebüchern kann ein falsch gelesener Name die Bedeutung eines ganzen Eintrags verändern.
Häufige Fragen
Mein Tagebuch enthält seltsame kleine Zeichen. Was ist das?
Wahrscheinlich Kurzschrift, etwa Gabelsberger oder die Deutsche Einheitskurzschrift von 1924. Sie wurde oft für private Passagen genutzt. Dafür brauchen Sie jemanden, der das System beherrscht.
Darf ich ein altes Familientagebuch veröffentlichen?
Sprechen Sie vorher mit der Familie. Tagebücher enthalten persönliche Angaben über Menschen, die möglicherweise noch leben. Bei Unsicherheit hilft eine rechtliche Beratung.
Wie digitalisiere ich ein ganzes Tagebuch am besten?
Fotografieren Sie jede Seite einzeln bei gleichmäßigem Licht und legen Sie in Altschrift ein Projekt je Heft an. So bleiben die Seiten geordnet, und Sie können alles gesammelt exportieren.
Weiterlesen
- Sütterlin lesen und übersetzenWoher die Sütterlinschrift kommt, woran Sie sie erkennen, welche Buchstaben verwechselt werden und wie Sie Briefe in Sütterlin selbst lesen oder übertragen lassen.
- Kurrentschrift lesen und übersetzenDie Kurrentschrift war über vier Jahrhunderte die deutsche Alltagsschrift. Merkmale, Lesefallen, typische Quellen und ein Weg, Kurrent selbst oder automatisch zu lesen.
- Feldpost lesen: Briefe und Karten aus zwei WeltkriegenFeldpostbriefe und -karten sind oft mit Bleistift geschrieben, knapp und zensiert. Was darin steht, was Stempel und Nummern verraten und wie Sie sie lesen.
- Alte Dokumente richtig fotografierenLicht, Haltung, Ausschnitt: Mit dem Handy gelingen gut lesbare Aufnahmen alter Briefe, Bücher und Urkunden – schonend für das Original und ideal zum Transkribieren.