Dokumente und Anlässe

    Auswandererbriefe lesen und übersetzen

    Stand: 19. September 2026 · etwa 5 Minuten Lesezeit

    Im 19. Jahrhundert verließen mehrere Millionen Menschen die deutschen Länder, die meisten in Richtung Vereinigte Staaten. Viele von ihnen schrieben regelmäßig nach Hause: an Eltern, Geschwister und Nachbarn, oft über Jahrzehnte. Diese Briefe sind in vielen Familien auf beiden Seiten des Atlantiks erhalten geblieben.

    Heute stehen Nachfahren in Deutschland vor alter Handschrift, Nachfahren in Amerika zusätzlich vor einer fremden Sprache. Diese Seite zeigt, was in Auswandererbriefen typischerweise steht, welche sprachlichen Eigenheiten sie haben, wo Sie ergänzende Quellen finden und wie Sie die Briefe lesen und übersetzen.

    Zeichnung eines Briefumschlags mit Briefmarke und Poststempel, daneben ein beschriebener Briefbogen und ein Segelschiff
    Auswandererbriefe gingen über Jahrzehnte hin und her – oft sind nur die Briefe einer Seite erhalten.

    Was in Auswandererbriefen steht

    Die Briefe folgen oft einem ähnlichen Muster, weil sie ähnliche Fragen beantworten sollten:

    • die Reise: Abschied, Hafen, Überfahrt, Krankheiten an Bord, Ankunft
    • die neue Umgebung: Land, Klima, Städte, Nachbarn und Landsleute
    • Arbeit und Geld: Löhne, Preise für Land und Lebensmittel, Vergleiche mit der Heimat
    • Familie: Heiraten, Geburten, Todesfälle, Gesundheit – und Fragen nach allen daheim
    • Ratschläge für Nachzügler: was man mitbringen soll, welcher Weg sich lohnt, oft auch Geld für eine Schiffskarte

    Solche Briefe wurden in der Heimat häufig laut vorgelesen, weitergereicht und manchmal sogar in Zeitungen abgedruckt. Sie beeinflussten, ob weitere Familienmitglieder nachfolgten. Deshalb sind manche sehr ausführlich und sorgfältig geschrieben, andere eilig auf wenigen Zeilen.

    Schrift und Sprache

    Die meisten Auswanderer des 19. Jahrhunderts schrieben Kurrent, die sie in der Schule gelernt hatten. Mit den Jahren in der neuen Heimat mischten sich lateinische Buchstaben ein; Briefe der zweiten Generation sind oft schon ganz lateinisch geschrieben.

    Auch die Sprache verändert sich mit der Zeit. Typische Eigenheiten sind:

    • englische Wörter mitten im deutschen Text, etwa „Farm“, „Store“, „Dollar“, „County“ oder „Railroad“, oft in deutscher Schreibweise
    • Mundart: Viele schrieben, wie sie sprachen, sodass Schreibweisen regional stark gefärbt sind.
    • eigenwillige Rechtschreibung bei Menschen, die nur wenige Jahre zur Schule gegangen waren
    • Ortsnamen in Amerika, die nach Gehör geschrieben wurden und sich erst mit einer Karte erschließen
    • Geldbeträge in Dollar und Cent neben Umrechnungen in Gulden, Taler oder Mark

    Ergänzende Quellen zur Auswanderung

    Briefe werden noch aussagekräftiger, wenn man sie mit anderen Quellen verbindet:

    • Passagierlisten: Die Hamburger Listen sind für die Zeit von 1850 bis 1934 im Staatsarchiv Hamburg überliefert. Die Bremer Listen sind großenteils verloren; erhalten sind vor allem Jahrgänge aus der Zeit zwischen den Weltkriegen.
    • Ankunftslisten der amerikanischen Häfen, etwa New York, und Einbürgerungsunterlagen in amerikanischen Archiven
    • Auswanderungsakten in deutschen Staats- und Kreisarchiven, wenn für die Auswanderung eine Genehmigung nötig war
    • Kirchenbücher des Herkunftsorts mit Vermerken wie „nach Amerika“ oder „ausgewandert“

    Museen wie das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven oder das Auswanderermuseum BallinStadt in Hamburg vermitteln Hintergründe zu Reise und Lebensumständen und bieten teils Hilfe bei der Recherche.

    Tipps zum Lesen und Übersetzen

    Auswandererbriefe liest man am besten als Serie:

    1. Ordnen Sie die Briefe nach Datum. Viele beziehen sich auf frühere Briefe oder beantworten Fragen daraus.
    2. Legen Sie eine Liste der Personen und Orte an, die vorkommen, mit allen Schreibweisen.
    3. Schreiben Sie zuerst wörtlich ab, mit allen Eigenheiten der Schreibweise. Erst danach glätten Sie für eine lesbare Fassung.
    4. Suchen Sie amerikanische Orte auf historischen Karten. Nach Gehör geschriebene Namen lassen sich oft über die Region erschließen.
    5. Für Verwandte in Amerika: Übersetzen Sie die wörtliche Abschrift und vermerken Sie Mundart und englische Einsprengsel, damit nichts von der Stimme des Schreibers verloren geht.

    Rechnen Sie mit eng beschriebenem Papier. Porto über den Atlantik war teuer, deshalb nutzten viele Schreiber jede freie Fläche, auch die Ränder. Manche drehten das Blatt nach dem Beschreiben um neunzig Grad und schrieben quer über die vorhandenen Zeilen weiter. Solche Kreuzschrift lässt sich am besten lesen, wenn Sie das Foto drehen und jeweils nur eine Schreibrichtung verfolgen.

    Oft liegen die Briefe einer Familie verteilt auf beiden Seiten des Atlantiks. Wer Nachfahren der Auswanderer findet, kann manchmal die Antworten ergänzen – und Kopien der eigenen Briefe zurückgeben.

    Ein Briefanfang Schritt für Schritt

    Das folgende Beispiel ist ausgedacht, zeigt aber typische Wendungen und Eigenheiten eines Auswandererbriefs aus der Mitte des 19. Jahrhunderts:

    Mehrere Merkmale sind typisch. „Ich ergreife die Feder“ ist eine verbreitete Eröffnungsformel. „Theure“ und „daß“ entsprechen der Rechtschreibung der Zeit. „Neu-York“ zeigt, wie Ortsnamen eingedeutscht wurden, „Farm“ das eingewanderte englische Wort. Der Vergleich des Lohns mit „daheim“ gehört zu den häufigsten Themen – er sollte zeigen, dass sich die Auswanderung lohnte.

    Solche Angaben sind keine exakten Zahlen, sondern Eindrücke eines Einzelnen. Für die Familiengeschichte sind sie trotzdem wertvoll, weil sie zeigen, wie die Ausgewanderten ihre neue Lage selbst sahen.

    Wie der Scanner hilft

    Altschrift liest Auswandererbriefe in Kurrent und lateinischer Schrift und gibt den Text in heutiger Schrift aus. Anschließend übersetzen Sie ihn auf Wunsch in eine von über zwanzig Sprachen, darunter Englisch – so können auch Verwandte in Amerika die Briefe ihrer Vorfahren lesen.

    Grenzen gibt es bei stark mundartlicher Schreibung, bei englischen Wörtern in deutscher Lautschrift und bei Ortsnamen, die nur nach Gehör geschrieben wurden. Eine KI liest, was dasteht; ob „Milwaki“ Milwaukee meint, müssen Sie selbst entscheiden. Unsichere Stellen sind markiert.

    Die Übersetzung glättet naturgemäß manches. Heben Sie deshalb immer auch die wörtliche Abschrift auf – sie bewahrt Mundart, Fehler und Eigenheiten, die zum Menschen hinter dem Brief gehören.

    Häufige Fragen

    Kann ich einen alten deutschen Brief ins Englische übersetzen lassen?

    Ja. Altschrift liest den Brief in Kurrent oder lateinischer Schrift und übersetzt den Text auf Wunsch ins Englische. Heben Sie zusätzlich die wörtliche Abschrift auf.

    Warum stehen englische Wörter in deutschen Briefen?

    Auswanderer übernahmen Wörter aus dem Alltag in Amerika, etwa Farm, Store oder Dollar, und schrieben sie oft nach deutscher Aussprache. Mit den Jahren nahm das zu.

    Wo finde ich Passagierlisten?

    Die Hamburger Passagierlisten von 1850 bis 1934 sind im Staatsarchiv Hamburg überliefert. Die Bremer Listen sind weitgehend verloren. Ankunftslisten liegen in amerikanischen Archiven.

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